innere Anteile, Trauma

Der Marsch der Worte

Ich hatte mich total gefreut, endlich mal wieder mit meiner Ergo und ihrer Hündin spazieren zu gehen, aber ausgerechnet heute hat Frau H. sie bei ihrem Mann im Home Office gelassen. Sie meinte jedoch, dass wir ja auch ohne Hund rausgehen könnten. Mein erster Impuls war „Nö, ohne Hund ist ja doof!“, aber als ich ein paar Sekunden darüber nachgedacht habe, fand ich die Idee gar nicht mehr so schlecht. Wir liefen also los und ich fing an, ihr von meinem letzten Therapietermin zu erzählen.

Von der verlängerten Sitzungszeit, die meine Therapeutin und ich uns jetzt so oft wie möglich nehmen möchten. Von meinen inneren Anteilen, die ich ‚alle‘ noch gar nicht richtig ordnen und benennen kann. Von meiner impulsiven Aggressivität. Von der bisherigen Unmöglichkeit, meine Wut (und alle weiteren heftigen Gefühle) nur abzuschwächen statt sie direkt komplett zu vernichten. Von der Ambivalenz im Innen, die mich zu zerreißen droht, weil es sich anfühlt als würde von zwei Seiten gleichzeitig an meinem ICH gezogen. Von der viel zu vollen Schublade alter traumatischer Situationen, die bei den kleinsten Triggern aufspringt, so dass die unbändigen Gefühle des einstigen Überlebens die Kontrolle übernehmen. Von dem Wort ‚Bindungstrauma‘, was meine Therapeutin äußerte. Von dem Schmerz und der Trauer, die abends nach der Sitzung über mich hergefallen sind während Herr Kritiker mit Drohgebärden hinter mir stand.

Ich redete und redete und es fühlte sich an als würde ich mir selbst beim Reden zusehen. Der Mund bewegte sich völlig automatisch und ich versank zusehends im Nebel. Als ich das bemerkte, blieb ich stehen, schaute meine Ergo an und sagte: „Ich bin gerade voll neben mir. Alles ist so wischi waschi.“ Sie antwortete mir: „Sie haben heute aber auch einen Schritt drauf! Lassen Sie uns mal ein wenig langsamer machen.“ Anscheinend bin ich marschiert wie ne Irre. So als wollte ich vor meinen Worten und mir selbst davonlaufen.

Auf dem Rückweg haben wir versucht, bewusst etwas langsamer zu gehen. Mit achtsamen Blick auf die Natur um uns herum. Ich durfte dabei zwei Vögelchen von ganz Nahem (höchstens eine Armlänge von uns entfernt) beobachten. Ein wunderschönes Rotkehlchen und eine mir unbekannte Art. Mit Vögeln kenne ich mich nämlich gar nicht aus. Ich schaue nur gerne ihrem Treiben zu, bewundere schillernde Gefieder und lausche dem Gezwitscher.

Ich bin immer noch nicht wieder richtig klar. Deshalb mache ich jetzt hier an diesem Punkt erstmal Schluss und entscheide mich aktiv dafür (Grüße an alle DBT-Erfahrenen *winkt*), meine Skills anzuwenden. Vorbildlich therapeutisch 😉

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6 Gedanken zu „Der Marsch der Worte“

    1. Hallo lieber Rio,
      es ist okay soweit und ich vertraue meiner Ergotherapeutin total. Nur evtl. war es etwas viel für mein emotionales Befinden. Wobei es gerade sowieso turbulent hergeht durch die Therapie. Es ist gar nicht so einfach, mich immer wieder zu regulieren und im Hier und Jetzt zu verorten. Kennst du so etwas denn auch?
      Viele Grüße von Annie

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      1. Bei mir war es oft so, dass es mir nach sowas nicht viel besser ging, manchmal sogar schlechter. Nach einer Weile und nach vielem Reflektieren hat es mir aber meist geholfen und es half.

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      2. Irgendwie ist es auch klar, dass es einem schlechter geht. Schließlich arbeitet man an sehr tiefliegenden Dingen. Das menschliche Gehirn hasst Veränderungen 🙈

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    1. Ich merke das auch beim Spazieren. Wenn ich in Bewegung bin, fließen meine Gedanken total. Egal in welche Richtung, ob kreativ oder eher melancholisch – es fließt 😉

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